„Wir werden trommeln ohne Ende“

Das neue Online-Bezahlsystem Paydirekt soll Branchenführer Paypal Kunden abjagen – Private und genossenschaftliche Banken sowie Sparkassen kooperieren

Fohrer und Markus Schaaf, Führungsduo der Volksbank Esslingen

Das neue Online-Bezahlsystem Paydirekt soll PayPal, den Branchenführer aus dem kalifornischen San José, in Deutschland Kunden abjagen. Das Bezahlverfahren ist eine Kooperation der privaten und enossenschaftlichen Banken sowie der Sparkassen. Theoretisch könnten 50 Millionen Girokonten angeschlossen werden. Doch der Wettbewerber aus den USA hat zehn Jahre Vorsprung. Die Volksbank Esslingen gehört zu den Pilotbanken. Ende Oktober können sich die Kunden registrieren.

Wie verändert die Digitalisierung die Bankenwelt. Und wie sieht Ihre Digitalisierungsstrategie aus?

Fohrer:
Es ist das Verhalten der Kunden, das die Banken verändert. Mehr als 50 Prozent unserer Kunden haben Online-Banking.

Schaaf: Die Digitalisierung betrifft mehrere Themenfelder. Sie betrifft die digitalen Kompetenzen, die unsere Mitarbeiter und Auszubildenden haben und erlernen müssen. Darüber hinaus geht es um den Informations-bereich, den Zahlungsverkehr, die Zukunftskanäle und das Thema Sicherheit.

Ist das beispielsweise bei der Volksbank Stuttgart anders?

Fohrer: Die anderen Volksbanken haben die gleichen Themen auf ihrer Agenda. Die Frage ist nur, in welchen Bereichen sich andere Institute stärker engagieren als wir.

Das heißt, es gibt kein abgestimmtes Vorgehen bei den Genossenschaftsbanken.

Schaaf: Es gibt zwei zentrale Projekte zu den Themen Internet sowie zur Digitalisierung und den Beratungsprozessen. Aber es gibt keine digitale Strategie des Bundesverbands der Volksbanken und Raiffeisenbanken.

Bedauern Sie das?

Schaaf: Ja und nein. Jedes unserer 1000 genossenschaftlichen Kreditinstitute arbeitet in seiner Selbst-ständigkeit ein bisschen anders. Diese Eigenständigkeit ist ein Teil unseres Erfolges. Andererseits könnte man etwa beim Thema Mitarbeiterschulung durch eine zentrale Steuerung den einzelnen Banken Arbeit abnehmen.

Finanzfragen, sagen Banker, werdenauch in der digitalen Welt so wichtig bleiben, dass sie bei der Erörterung ein menschliches Gegenüber erfordern. Ist das so. Gibt es dafür Belege?

Fohrer: Ja. Bei uns nimmt die Zahl der Beratungstermine schon seit Jahren zu. Außerdem ergab eine Allensbach-Studie für unser Geschäftsgebiet, dass unsere Firmen- und Privatkunden Beratung, Vertrauen und Nähe sehr wohl zu schätzen wissen. Deshalb können wir nicht voll ins wachsende Online-Banking gehen. Der größte Teil unserer Kunden legt eben Wert auf den persönlichen Kontakt. Doch Servicetätigkeiten, beispielsweise Scheckeinreichungen, nehmen rapide ab.

Sich in der Bankfiliale über eine Baufinanzierung beraten lassen, und dann im Internet nach einem günstigeren Anbieter suchen. Ist das ein Thema für Sie?

Fohrer: Das ist leider üblich. Aber wir wachsen dennoch stark bei den Baufinanzierungen und sind davon überzeugt, dass bei solchen Geschäften die Qualität und das Vertrauen neben einem fairen Preis entscheiden. Aber wir spüren die Direktbanken.

Das Filialnetz ist teuer.

Fohrer: Wir halten daran fest und müssen unsere Geschäftsstellen weiterentwickeln. Es geht hier um unsere Beratungskompetenz im Anlage, Vorsorge- und Kreditbereich. Außerdem brauchen wir heute – und morgen erst recht – vor Ort digitale Beratungskompetenz.

Kunden unterscheiden nicht zwischen den Kanälen Filiale, Internet, App, Telefon oder Chat. Am anderen Ende ist immer die Bank. Durch die vielen technischen Möglichkeitenkann man doch auf Mitarbeiter verzichten.

Schaaf: Ein heikles Thema. Letztlich entscheidet der Kunde über die Zugangskanäle, die er nutzt. Sollte sich in den nächsten Jahren herausstellen, dass wir unser Geschäftsmodell ändern müssen, werden wir reagieren. Zurzeit wollen die meisten Multikanalnutzer auch den persönlichen Kontakt zu ihrer Bank.

Eine neue technische Anwendung ist das Bezahlverfahren Paydirekt, ein gemeinsames Projekt der deutschen Banken und Sparkassen. Auffallend ist, dass es sich amerikanisch anhört, direkt aber mit kund nicht mit c geschrieben wird. Konnte man sich bei der Namensgebung nicht entscheiden?

Schaaf: Man wollte den Ausdruck pay, der sich im Internet etabliert hat, nicht aufgeben. Zugleich wollte man ein Signal des deutschen Ursprungs dieses Systems senden. So ist dieser Kunstname entstanden.

Das ist aber filigran gedacht.

Fohrer: Wir beide waren bei dem Entscheidungsprozess nicht dabei. Und wie viele Kommunikationsdesigner und Wissenschaftler daran mitgearbeitet haben, wissen wir auch nicht.

Paydirekt kommt reichlich spät. Ihr Wettbewerber PayPal hat einen immensen Vorsprung und eigenen Angaben zufolge allein in Deutschland 16 Millionen Kunden. Wie wollen Sie da noch punkten?

Schaaf: Paydirekt funktioniert wie PayPal, hat aber Besonderheiten. Der Ursprung des Systems ist in Deutschland. Deshalb können wir garantieren, dass alle Daten von Transaktionen hier bleiben und nicht auf einem Server in den USA landen. Wir können deutsches Datenschutzrecht umsetzen und ein System aufbauen, das mit den datenschutzrechtlichen Verbindungen des deutschen Banksystems gekoppelt ist. Alles, was wir in die Sicherheit der Infrastruktur unserer Banken investieren, spiegelt sich darin. Wir geben dem Verbraucher ein Gefühl der Sicherheit. Er weiß: Meine Hausbank steht dahinter. Dazu kommt der Käuferschutz bei Nichtlieferung mit Rückbuchung und das einfache Bezahlen mit zwei Klicks.

Fohrer: Wir sind mit diesem System viel weniger gläsern. PayPal ist ein offenes System. Paydirekt ist ein System mit Grenzen, wo Daten nicht mehr übertragen werden.

Sie werden zur Einführung viel Geld in Werbung und Marketinginvestieren müssen.

Fohrer: Wir werden trommeln ohne Ende.

Für den Kunden fallen keine Gebührenan, für den Händler schon. PayPal erhebt in den den meisten Fällen eine Gebühr von 1,9 Prozent zuzüglich 0,35 Euro pro Transaktion. Haben Sie ihre Gebührensätze definiert?

Schaaf: Es ist darüber gesprochen worden. Wir werden unter den Preisen des Marktführers liegen, um Händlern Anreize zu geben. Zudem wird die Altersverifizierung von den Banken übernommen.

Gebühren sind generell eine Hemmschwelle. Das sieht man schon daran, dass es immer noch Geschäfte gibt, in denen nicht mit Kreditkarte bezahlt werden kann.

Fohrer: Das ist uns bewusst. Händler sind äußerst sensibel beim Thema Zahlungsgebühren.

Kunden können sich einfach auf Ihrer Homepage beim Online-Banking für Paydirekt registrieren. Sie erreichen aber jene Kunden nicht, die kein Online-Banking machen.

Schaaf: Strategisches Ziel aller Banken ist, dass mehr Kunden an diesem Bezahlsystem teilnehmen – und damit am Online-Banking.

Fohrer: Der Paydirekt-Kunde ist zugleich der Online-Kunde.

Die Händler dürften im Vorfeld des näher rückenden Weihnachtsgeschäftes etwas anderes zu tun haben, als sich mit einem neuen Bezahlsystem zu beschäftigen. Ist der Zeitpunkt der Einführung nicht ungeschickt  gewählt?

Fohrer: Es gibt den idealen Starttermin nicht.

So wie beim Gespräch über die Gehaltserhöhung.

Fohrer: Genau. Wir wissen, dass die Metro von Januar an mitmacht. Wer noch?

Schaaf: In der Pilotphase bis zum offiziellen Marktstart werden primär Unternehmen, die aufgrund des E-Commerce-Umsatzes eine entsprechende Reichweite haben, angebunden. Ziel ist es, dass Paydirekt möglichst zeitnah von einer breiten Käuferschaft wahrgenommen wird.

Apple Pay wurde 2014 in den USA eingeführt. In Großbritannien läuft der Dienst seit Juli 2015. Das kontaktlose Zahlungssystem arbeitet mit der Near Field Communication (NFC). Es macht Kreditkarte und Bargeld überflüssig und funktioniert im stationären Handel und im Internet. Der Kunde hält sein Smartphone an ein Terminal und bestätigt die Transaktion mit Fingerabdruck. Ist das die Zukunft?

Schaaf: Die NFC-Technik definitiv. Sie ist schnell und einfach. Sie wird sich durchsetzen.

Schafft sie das Bargeld ab?

Schaaf: In Deutschland nein. Nicht in den nächsten 20 Jahren.

Fohrer: In Schweden vorher. Im ABBA-Museum in Stockholm können Eintrittskarten nicht bar bezahlt werden, nur mit Karte. In Supermärkten werden 97 Prozent der Zahlungen mit Karten beglichen.

Eßlinger Zeitung vom 24.10.2015 Artikel von Michael Paproth