Beim Können ansetzen

Esslingen: die Musikschule Ostfildern belegt beim Inklusionspreis 2015 den ersten Platz – Gewonnen haben aber alle Teilnehmer

Matthias Berg hat die Zuhörer nach zwei Minuten gefangen. Der mehrmalige Goldmedaillengewinner bei den Paralympics zog die Anwesenden bei der Premierenpreisverleihung des Inklusionspreises an diesem Dienstagabend mit seiner eigenen Geschichte, aber vor allem mit seiner Art bei seinem Vortrag in den Bann. Mehrfach hallten Lacher durch den Raum im fünften Stock des Volksbank-Gebäudes in der Esslinger Fabrikstraße. Der ehemalige Vize-Landrat, Contergan-Geschädigter und daher mit unterentwickelten Armen auf die Welt gekommen, erzählte von seinem Werdegang, von guten und schlechten Erfahrungen, von Ausgrenzung, Beleidigungen und Erfolgen – und würzte das alles fast durchweg mit einer großen Prise Humor. „Heute musste ich mich hinten anstellen beim Behindertenparkplatz“, sagte er etwa oder zeigte eine Karikatur des Künstlers Philipp Hubbe, die für ihn sinnbildlich für die Inklusion steht. darauf sind ein Golfer beim Abschlag und ein Rollstuhlfahrer zu sehen, der sagt: „Ich habe gehört, hier kann man sein Handicap verbessern.“ Matthias Berg findet nicht nur das Wortspiel toll, ihm gefällt auch, dass das Bild zeigt, dass Behinderte „raus“ müssen, unter Nicht-Behinderte. Mit diesen und anderen Beispielen verdeutlichte er, wie Inklusion funktionieren sollte. Nämlich, indem sie am Können ansetzt, wie der 54-Jährige sagte, bevor er weitere Lösungsmöglichkeiten anfügte: „Das Geheimnis des Könnens ist das Wollen, und Freundlichkeit sowie Hartnäckigkeit ergeben Erfolg.“ Zum ersten Mal haben die Volksbank Essligen und die Eßlinger Zeitung den Inklusionspreis ausgelobt. Er stand unter dem Motto „Alle zusammen“, sein Schwerpunkt lag diesmal auf den Bildungs- sowie Erziehungseinrichtungen, 18 Bewerbungen gingen ein. „Durchweg auf einem hohen Niveau“, wie Christian Dörmann, der stellvertretende EZ-Chefredakteur und Moderator des Abends, sagte und den Grund für die Preisausschreibung folgend zusammenfasste: „Weil uns das Thema ein Herzensanliegen ist, und weil wir wissen, dass gute Dinge umso mehr in Bewegung geraten, je größer die öffentliche Aufmerksamkeit ist.“

Schwierige Aufgabe für die Jury

Er hatte zusammen mit den Volksbank-Vorständen Heinz Fohrer und Markus Schaaf, dem VoBa-Bereichsleiter Vertriebsmanagement, Andreas Fischer, der EZ-Verlegerin Christine
Bechtle-Kobarg, dem EZ-Chefredakteur Gerd Schneider und Matthias Berg die „nicht gerade leichte“ Aufgabe, als Jury zu fungieren. Diese entschied sich für die Musikschule Ostfildern als Sieger, in der Personen mit und ohne Handicap zusammen musizieren und die sich über ein Preisgeld in Höhe von 2000 Euro freuen konnte. Der Schulleiter Marcus Borchert verriet den bedeutendsten Inhaltsstoff des Erfolgsrezepts: „Das Wichtigste ist, dass wir alle an einem Strang ziehen. Die komplette Schule ist von der Inklusionsidee durchzogen, und alle sind integriert.“ Zu Beginn des Abends hatten die etwa 80 anwesenden, darunter auch die Oberbürgermeister Jürgen Zieger (Esslingen) und Christoph Bolay (Ostfildern) sowie der Esslinger Landtagsabgeordnete Andreas Deuschle, einen Eindruck von der gelebten Inklusion an der Musikschule bekommen. Ein Trio, darunter die Behindertenmusiker Melanie Waibel und Ralf Habscheid, führte mit Querflöten- und Cello-Klängen in den Abend ein. Beide hatten beim Auftritt „ein gutes Gefühl“, wie sie hernach sagten.
Die drei zweiten Plätze, mit je 1000 Euro dotiert, belegten der Inklusionszirkel Wernau, die Esslinger Lebenshilfe mit ihrer Kletter-AG und der Verein VILLA. Armin Elbl nahm den Preis stellvertretend für den Inklusionszirkel entgegen. Dank diesem weiß niemand so genau, wie viele behinderte Kinder eigentlich in die Kindergärten gehen, was als Zeichen gelungener Inklusion gedeutet werden sollte. Der Wernauer Bürgermeister stellte die Kernfrage, an der sich der Zirkel ausrichtet: „Was kann ein Kind und was braucht es, um sich in unseren Einrichtungen heimisch zu fühlen?“ Erika Synovzik von der Lebenshilfe sieht im Freizeitbereich die „unkomplizierteste“ Möglichkeit zur Begegnung von behinderten sowie nicht behinderten Personen und sagte: „Die Freude und der Spaß stehen im Mittelpunkt, und man kann vieles probieren. Das ist das Geheimnis, glaube ich.“ Marco Bell, den Mitbegründer der VILLA Esslingen, die Heranwachsende mit und ohne Behinderung unter anderem nach der Schule und in den Ferien zusammenbringt, betonte ein Problem vieler Inklusionsinitiativen: „Leider hapert es häufig am Geld, auch deshalb freuen wir uns sehr über den Preis.“ Darüber hinaus wurde der Verein Rückenwind mit einem Sonderpreis in Höhe von 500 Euro ausgezeichnet. Ein Sonderpreis deshalb, weil die Bewerbung nicht zum  Bildungsschwerpunkt passte, die Jury aber der Meinung war, dass die Arbeit eine besondere Würdigung verdient. Der Verein stärkt pflegende Mütter und Väter behinderter Kinder, die oft wenig Unterstützung vom gesellschaftlichen Umfeld erfahren. „Wir haben uns aus Wut beworben, und unsere Hoffnung ist es, dass unser Thema in der Öffentlichkeit ankommt“, sagte die Rückenwind-Gründerin Ursula Hofmann.

Puzzlestück für die Integration

Genau diese Öffentlichkeit ist ein wichtiger Aspekt des Inklusionspreises, „und wir sind überzeugt, dass wir mit der Initiative zumindest ein Puzzlestück zur Verbesserung der Inklusion beitragen können“, wie Heinz Fohrer sagte, nachdem er von einem anschaulichen Beispiel aus seinem Heimatdorf berichtet hatte. Dort „versteckte“ eine Familie sein behindertes Kind und eine andere integrierte ihres im öffentlichen Leben, was der bessere Weg war. „Inklusion braucht Vorbilder und Nachahmer“, sagte der Volksbank-Vorstand weiter, und Christine Bechtle-Kobarg verriet, dass der Inklusionspreis alle zwei Jahre eine Fortsetzung finden wird. Stellvertretend für viele andere Initiativen seien die diesjährigen Preisträger ausgezeichnet worden, sagte sie und ergänzte: „deren Engagement zeigt, dass Inklusion eine dauerhafte Aufgabe ist.“

Gewinner unter sich: Am Dienstagabend wurde zum ersten Mal der Inklusionspreis verliehen, der von der Volksbank Esslingen und der Eßlinger Zeitung ausgelobt worden war.

Artikel von Fabian Schmidt Eßlinger Zeitung Foto: Bulgrin