Die SV 1845 ist ein „Stern des Sports“

Esslinger Fußballer werden für ihr gesellschaftliches Engagement von Sportvereinen ausgezeichnet – Zweiter wird der TV Nellingen vor dem TSV Berkheim

Strahlende Gesichter bei der Preisverleihung (von links): Heinz Fohrer (Vorstand der Volksbank Esslingen), Hans Rust, Wolfgang Walter, Fotini Charizani, Zekai Suemengen, Susanne Glandier (alle SV 1845 Esslingen), Max Pickl (stellvertretender Leiter des Sportamtes) und Markus Schaaf (Vorstand der Volksbank Esslingen). Foto: Bulgrin

In Sachen Integration kann man den Fußballern der SV 1845 Esslingen nicht viel vormachen.
Menschen aus über 15 Nationen haben ihre sportliche Heimat in der Pliensauvorstadt gefunden und seit rund zehn Jahren verfügt der Klub in Person von Fotini Charizani sogar über eine eigene Integrationsbeauftragte. „So einen Posten bei uns zu schaffen, war eigentlich fast zwingend“, erklärt Fußball-Abteilungsleiter Wolfgang Walter, „Immer sind 90 Prozent unserer Mitglieder nicht deutsch, sondern kommen aus aller Herren Länder.“ Spieler wie Trainer kommen aus Griechenland, der Türkei, den USA, Italien, Rumänien, Nigeria, Eritrea und Sierra Leone. Auch ein Kubaner war schon da. Nun kamen noch einige Flüchtlinge aus Gambia hinzu. Dieses herausragende ehrenamtliche Engagement wurde jetzt mit einem „Stern des Sports“ auf lokaler Ebene geehrt. Bei dem Wettbewerb „Sterne des Sports“ zeichnen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Volksbanken und Raiffeisenbanken gesellschaftlich engagierte Vereine auf kommunaler, Landes- und auf Bundesebene aus. „Die Sportvereine führen  Menschen zusammen“, sagte der stellvertretende Leiter des Esslinger städtischen Amts für Soziales und Sport Max Pickl in seiner Laudatio, „Mit dieser Auszeichnung wollen wir den stillen Helden des Ehrenamts die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdienen.“ Die Jury, bestehend aus Hannes Kern (Eßlinger Zeitung), Heinz Fohrer und Evelyn Berndt (Volksbank Esslingen), Max Pickl sowie Margot Kemmler (Sportkreis Esslingen) hat es sich dabei nicht leicht gemacht. Die drei zu vergebenden „Sterne des Sports“ in Bronze erhielten die Fußballabteilung der SV 1845 Esslingen (Platz 1, 1500 Euro und Teilnahme am Landesentscheid), der zweite mit 1000 Euro dotierte Platz ging an den TV Nellingen mit seinem Projekt Handicap-Gruppe (Schwimmen mit Behinderten und Nichtbehinderten) und Dritter wurde der TSV Berkheim mit seinem Projekt „Eltern und Kinder – Gemeinsam bewegen“ (500 Euro). Die Entscheidung war knapp, aber mit seinem Engagement hinsichtlich Inklusion und Flüchtlinge überzeugte die SV 1845 die Jury letztlich. Den Kontakt zu den Flüchtlingen knüpfte Hans Rust zusammen mit Max Pickl, die die Flüchtlinge in ihrer damaligen Unterkunft in Esslingen-Zell einfach angesprochen haben. „Ich habe erst selbst mit ihnen gekickt“, so Rentner Rust, seines Zeichens früher selbst aktiver Fußballer, der es bis in die dritte Liga gebracht hat. „Aber es musste ja ein Ziel geben, so habe ich Kontakt zu meinem alten Verein aufge-nommen.“ Bei der SV 1845 wurden die neuen Spieler mit offenen Armen empfangen. „Wir wollen die Jungs nicht mehr missen“, bestätigt Walter. Die SV-1845-Verantwortlichen haben sich für die Flüchtlinge von Anfang an mächtig ins Zeug gelegt: Sportausrüstungen wurden beschafft, mit der Vereinsleitung  ge-sprochen, dass den Flüchtlingen die Mitgliedschaft geschenkt wird, und Spielberechtigungen besorgt. „Das war allerdings eine problematische Geschichte. Da musste über den württembergischen und den deutschen Fußballverband eine internationale Anfrage gestartet werden, ob die Spieler schon eine Spielerlaubnis in ihrem Herkunftsland haben“, sagt Walter. Ein enormer  bürokratischer Aufwand, den viele Vereine scheuen.

Auch sportlich lohnenswert

Für die SV 1845 hat sich die Sache aber nicht nur menschlich, sondern auch sportlich gelohnt: Die Gambier haben sich zu tragenden Teilen der Mannschaft entwickelt – nicht umsonst belegt die erste Mannschaft in der Kreisliga B, Staffel 1, derzeit den ersten Platz. „Die Jungs sind per se eine Bereicherung, und dass sie obendrein noch richtig gut kicken können ist ein wunderbarer Nebeneffekt“, freut sich Rust. Allerdings ist der Status der Flüchtlinge immer noch ungeklärt. „Wir werden alles dafür tun, dass die Jungs hier bleiben können“, bekräftigt Abteilungschef Walter. Aber auch mit seiner Nachwuchsarbeit überzeugte die SV 1845 die Jury. Mit einem Team von über 20 ehrenamtlichen Helfern kümmert sich Fotini Charizani um den Nachwuchs aus aller Herren Länder. Da werden Kontakte zu den Eltern geknüpft, Hilfe beim Ausfüllen von Formularen geleistet und auch ganz praktisch um die Alltagssorgen der rund 160  Nachwuchsspieler gekümmert. „Wir integrieren alle, die zu uns kommen“, sagt Charizani, „Oft landen bei uns letztlich die Spieler, die anderswo diskriminiert werden.“ Unterschiedliche Glaubensrichtungen spielen bei der SV 1845 keine Rolle. Die religiöse Zugehörigkeit wird aber respektiert, so sind zum Beispiel Fastenzeiten fest in den Trainingsplan integriert. Auch körperliche Handicaps sind kein Stolperstein: So sehen es die Esslinger als großen Erfolg an, dass ein 16-jähriger hörbehinderter Junge fest in die B-Jugend integriert ist, am normalen Spielbetrieb teilnimmt und jüngst sogar mit seiner Mannschaft Meister der Kreisstaffel 1 geworden ist. „Bei uns ist jeder willkommen, man hilft sich gegenseitig, dann findet sich für alles eine Lösung“, ist sich die Migrationsbeauftragte sicher. Sie weiß auch schon ganz genau, wie die 1500 Euro Preisgeld investiert werden: „Neue Bälle für die Jugendmannschaften wären mal wieder nötig.“ Und bei zehn Jugendmannschaften sind das gleich mal kurz 100 neue Spielgeräte, da kommt ein ganz erkleckliches Sümmchen zusammen.

Von Kerstin Dannath, Eßlinger Zeitung vom 10./11. Oktober 2015