Einsichten, Werte und Gebote

Die renommierte Theologin Margot Käßmann zu Gast in Wernau: Die Banken sind nicht gierig, die Menschen sind es

Eßlinger Zeitung, 2. April 2014, Artikel von Michael Paproth

Diskussionsrunde im Quadrium Wernau von links: Rita Jakli, Konzernsprecherin der R+V Versicherung, Sandra Achilles, Vorstandsvorsitzende der Volksbank Plochingen eG, Alexander Marinos, Chefredakteur der Eßlinger Zeitung, Heinz Fohrer, Vorsitzender der Bezirksvereinigung der Volksbanken Raiffeisenbanken im Landkreis Esslingen, und Margot Käßmann. Die Theologin sprach zuvor 45 Minuten lang über christliche Werte in Gesellschaft und Wirtschaft.

Wernau – Margot Käßmann geht ans Rednerpult und sagt: „Guten Abend, meine vielen Damen und wenigen Herren.“ Schon ist das mit 600 vorwiegend weiblichen Gästen rappelvolle Tagungszentrum im Wernauer Quadrium am Montagabend hellwach. So wie die 55-jährige Theologin, die alle mitzunehmen vermag auf ihre lange Reise durch Ansichten und Einsichten, Moral und Werte, Bibel und Gebote oder Ökonomie und Schnäppchenmentalität. Kurzweilig ist ihr Vortrag, blitzgescheit, auch witzig und dazu sympathisch. Die Professorin ist Vortragsprofi, doch in all ihrer Professionalität authentisch geblieben. Der Applaus ist ihr gewiss, er ist lang und laut. Das ist kein Wunder, sondern ganz von dieser Welt: Die vierfache Mutter und evangelisch-lutherische Pfarrerin Margot Käßmann, einst Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, gehört zu den intellektuellen Schwergewichten dieser Republik. Nach Wernau kommt sie auf Einladung der Bezirksvereinigung der (noch) elf Volksbanken und Raiffeisenbanken im Kreis Esslingen zum vierten Frauen-Forum mit und für hiesige Unternehmerinnen.

Unbehagen und Orientierung

Worum geht es Margot Käßmann? Am Anfang sieht sie ein allgemeines Unbehagen unter den Menschen, genährt von Bankenkrise und anderen Krisen, der Rettung ganzer Volkswirtschaften und der Frage, wie wir selbst gerettet werden. Wo ist Orientierung, was gibt Halt? „Die Bibel ist ein Buch voller Lebensweisheiten“, sagt Käßmann. Hierin findet sie Antworten und mit ihr fünf Millionen Menschen, die jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen. Dass es dagegen nur 700 000 sind, die in die Bundesligastadien pilgern, veranlasst Käßmann zum augenzwinkernden Hinweis auf die „disproportionale Berichterstattung“ in den Medien. Auf die Heiterkeit im Saal folgen die Zehn Gebote im Schnelldurchlauf, angewandt als Leitlinien mit scharfem Blick auf Gesellschaft, Politik und Ökonomie: Du sollst nicht töten. Käßmann: „Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt.“ Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Käßmann: „Das wünsche ich mir in Wahlkampfzeiten.“

Dann spricht die Theologin von Konsum, und ob er zur Religion geworden ist, dem Deutschen Aktienindex, und wie dominierend seine Hochs und Tiefs für die Gesellschaft wurden – und von den gierigen Banken. Hier stellt Käßmann fest: „Die Banken sind nicht gierig. Die Menschen sind es.“ Das Gleiche gilt auch für die Wirtschaft. Käßmann fordert einen selbstkritischen Umgang mit Unternehmen und mit Geld, will das zerstörte Vertrauen wiederherstellen und plädiert für eine „Ökonomie für das Leben“. Sie meint damit ein wirtschaftliches Denken, dass die Potenziale aller wahrnimmt und auch jene wertschätzt, die mitwirken, weil sie mitwirken, und nicht, weil sie viel Geld verdienen. „Wir brauchen eine Ethik des Genug, eine Ethik der Grenzen, die vielleicht glücklicher machen. ‚Geiz ist geil‘ ist doch kein Wert“, sagt Käßmann.

Ellenbogen und guter Schlaf

Auch die Podiumsdiskussion, moderiert von EZ-Chefredakteur Alexander Marinos, wird zu einer Tour d‘Horizon von der Frage nach möglichen frauentypischen Vorstellungen bis hin zur Kreditvergabe. Oder: Müssen Frauen mehr Ellenbogen einsetzen, um auf der Karriereleiter nach oben zu kommen? „Bei uns nicht“, sagt die Vorstandschefin der Volksbank Plochingen, Sandra Achilles, die wie Rita Jakli, Sprecherin der R+V Versicherung, das Podium auch nutzt, um Werbung in eigener Sache zu machen. Jakli sagt: „Frauen müssen mehr leisten als Männer.“ Gastgeber Heinz Fohrer, der im Vorstand der Volksbank Esslingen ist, sagt zum genossenschaftlichen Bankgeschäft: „Wir haben keine irrsinnigen Spannen, aber wir schlafen nachts gut.“ Und was sagt eine Zuhörerin zu diesem Abend? „Margot Käßmann war super.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.