Bärenstarke Wirtschaft

Kapitalmarktforum der Volksbank Esslingen – Konflikt zwischen USA und Nordkorea bereitet Sorgen – Analyst: Deutsche Aktien nicht mehr günstig

Esslingen – Ja, es ist um einiges ungemütlicher geworden auf der Welt, da hat Heinz Fohrer, Vorstandsmitglied der Volksbank Esslingen, ganz recht: Spannungen mit Russland, der Brexit, ein Immobilienmilliardär als US-Präsident, die Türkei unter Erdogan und dann zündeln da auch noch allerorten in Europa die Rechtspopulisten. Nur gut, dass die deutsche Wirtschaft und der Arbeitsmarkt in blendender Verfassung sind und deshalb auch die Steuereinnahmen sprudeln. so ist und bleibt es in Deutschland wohl noch für einige Zeit ökonomisch komfortabel – und auch im alten Rathaus in Esslingen, in das die hiesige Volksbank zum Kapitalmarktforum „Europa im Wandel – wohin geht die Reise“ eingeladen hatte, ist das so: „Heute Abend ist es gemütlich“, begrüßt Fohrer die knapp 70 geladenen Gäste in diesem überschaubaren und traditionsreichen rahmen.

Schwächen ausgleichen

Dass gleichwohl nicht alles Gold ist, was glänzt, darin sind sich Fohrer und die beiden Referenten des Abends, Gerd Schneider, Chefredakteur der Eßlinger Zeitung, und Michael Kopmann, Leiter Privatkundenstrategie und Analyst der DZ Bank in Frankfurt, einig. Ja, die Wirtschaft ist trotz politischer Unsicherheiten bärenstark, und ja, weltweit aufgestellte Unternehmen aus der Region Stuttgart und anderswo können schwächen in manchen Märkten in anderen, gut laufenden ausgleichen. so legt der Daimler-Konzern glänzende Zahlen vor, obgleich die Geschäfte seiner Nutzfahrzeugsparte mancherorts weiter schwächeln. Schneider verweist in diesem Zusammenhang auf den türkischen Lkw-Markt, der am Boden liegt. so weit, so gut, aber: richtig schlimm wäre es für Daimler und damit für viele Zulieferer in der Region Stuttgart, käme es auf dem chinesischen Markt zu großen Einbrüchen. Dazu würde es wahrscheinlich kommen, sollte der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea eskalieren, was dann auch China beträfe: „Vor diesem Szenario muss man sich am meisten fürchten.“ Dieser Einschätzung stimmt Kopmann zu: „Das verkraftet niemand, wenn es losgeht.“ Krisen in anderen Ländern ließen sich durch Diversifikation, die ein Mittel der Wachstums- und Risikopolitik von Unternehmen ist, meistern.

Zudem: für den weltweiten Absatz von Autos sei es unerheblich, wer zum Ministerpräsidenten der Niederlande gewählt wird, sagt Kopmann mit Blick auf die Sorgen wegen des Rechtspopulisten Geert Wilders. anders verhält es sich beim Brexit. Wird grenzüberschreitender Handel beschränkt, ist das für alle Beteiligten von Nachteil, hatte schon der englische Nationalökonom David Ricardo vor 200 Jahren herausgefunden. Kopmann beruft sich auf Ricardo: „Das führt zu Verlusten auf beiden Seiten.“ immerhin ist Großbritannien der drittgrößte Handelspartner Deutschlands. Entsprechend negativ würden eventuelle Handelsbarrieren zu den Vereinigten Staaten von Amerika zu Buche schlagen.

Auf Rückschläge warten

Bleibt die Frage für Anleger, was angesichts des anhaltenden Zinstiefs getan werden kann. in den Aktienmarkt einsteigen? Kopmann sagt gerade vor dem Hintergrund des erwarteten weiteren Wachstums der großen Volkswirtschaften:

„Es gibt schlechteres, als an Unternehmen beteiligt zu sein. Nur eine Rezession stoppt die Aktienhausse nachhaltig.“ Zugleich gibt der Analyst allerdings zu bedenken, dass der Einstieg in den deutschen Markt beim jetzigen hohen Dax-Stand durchaus bedenkenswert ist. Die Bewertung von Aktien – gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – sei nicht mehr günstig, der Markt sei „am Anschlag“. Kopmann empfiehlt deshalb entweder auf Rückschläge – er spricht von 1000 oder sogar 2000 Punkten – zu warten oder die entsprechende Geduld und Zeit mitzubringen, mögliche Rückschläge auszusitzen. Womöglich aber ist der Aktienmarkt alternativlos. „Wenn das, was ich sonst noch kaufen kann, teurer ist als der Einstieg in den Aktienmarkt, dann kann ich Aktien kaufen“, sagt Kopmann mit Blick auf das KGV von Anleihen und Immobilien.

Artikel von Michael Paprot, Eßlinger Zeitung vom 29.04.2017