„Das achte Weltwunder wirkt nicht mehr“

Für die Fondsgesellschaft aus Frankfurt ist die Niedrigzinsphase Fluch und Segen zugleich – Der wegfallende Zinseszinseffekt schädigt Sparer

„Das Verhalten der Sparer muss sich ändern“, sagt der 54-Jährige im Interview.

Esslingen – Sparer sein ist seit ein paar Jahren keine leichte Aufgabe mehr. Das gute alte Sparbuch hat in Zeiten der ultralockeren EZB-Geldpolitik ausgedient. Aber welche Alternativen gibt es? Aussitzen ist keine Alternative, da ist sich Hans Joachim Reinke sicher. Der Chef von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken mit Sitz in Frankfurt, sprach bei einer Kundenveranstaltung der Volksbank Esslingen über Anlagemöglichkeiten in Zeiten niedriger Zinsen. Union Investment betreut über 270 Milliarden Euro an Vermögen mit mehr als vier Millionen Kundendepots.

Die Abstimmung für einen Brexit sorgte für Entsetzen. Was bedeutet das für Großbritannien?

Reinke: Der Ausgang des Referendums kam für mich überraschend. Gerade in den zwei Wochen vor der Abstimmung hat man gedacht, dass die Briten für „Remain“ stimmen. Das Vereinigte Königreich muss sich nun die Frage stellen, welche Auswirkungen der Brexit konkret für den Zusammenhalt in Großbritannien hat. Die Bevölkerung ist gespalten, denn die Älteren haben mehrheitlich für den Brexit gestimmt. Und die Jüngeren für den Verbleib. Dazu kommt die zweite große Spaltung: England will aus der EU raus, auch Wales will raus, aber Nordirland und Schottland wollen weiter Teil der EU sein.

Welche Auswirkungen hatten die Finanzmarktturbulenzen für den Sparer, der mit einem Fondsparplan beispielsweise in den UniGlobal investiert?

Reinke: Der Brexit ist ein schlimmes Event, aber solche Events hatten wir in den vergangenen Zeiten immer wieder. Das Referendum hat für kurzfristiges Rütteln am Markt gesorgt. An den Aktienmärkten gab es Verluste von bis zu sieben Prozent. Es ist aber keine Systemkrise. Es gibt genug Liquidität in den Märkten. Nach dem Referendum haben insbesondere die Algorithmen Verkaufsprogramme ausgelöst. Aber wenige Tage später gab es bereits eine Gegenbewegung und Anleger haben wieder gekauft. Für Fonds wie den UniGlobal war das eine schwierige Phase, und damit muss man auch umgehen. Aber es ändert nichts an der Positionierung des Fonds.

Der Ausstieg der Briten könnte sich Jahre hinziehen. Was bedeutet das für die Finanzmärkte?

Reinke: Die Unsicherheit ist da, deshalb dringen die Märkte auf eine schnelle Lösung. Nach dem Referendum muss nun ein Austrittsgesuch folgen. Damit werden die Briten den Status eines Nicht-EU-Mitglieds bekommen. Was derzeit beruhigend ist: Es sieht nicht danach aus, dass ein Domino-Effekt eintreten könnte. Die Spanier haben vergangenen Sonntag so gewählt, dass eine Regierung gebildet werden kann, auch wenn es nicht einfach werden dürfte. In jedem Fall muss sich vieles ändern.

Was genau?

Reinke: Den Menschen muss wieder deutlich gemacht werden, wo die Vorteile der Europäischen Union liegen. Das wurde in den vergangenen Jahren vernachlässigt. Und man muss insbesondere die Rolle von Brüssel neu definieren. Länder wie Spanien und Griechenland müssen die notwendigen Strukturreformen angehen. Wir in Deutschland benötigen die niedrigen Zinsen nicht.

Die Europäische Zentralbank setzt mit ihrer Nullzinspolitik Banken und Versicherer ganz schön unter Druck. Was sagen Sie zu diesem Kurs?

Reinke: EZB-Präsident Mario Draghi macht sicher nicht alles richtig. Er hat seine Patronen schon fast verschossen, viel mehr an Instrumentarium steht ihm nicht mehr zur Verfügung. Dennoch muss man sagen: Draghi macht die Politik, die die Länder wie Spanien oder Portugal eigentlich selbst machen sollten. Er stopft Löcher, die von alleine nicht gestopft werden.

Und wie?

Renke: 5,1 Billionen Euro beträgt das Geldvermögen der Deutschen. Es ist die reichste deutsche Bevölkerung, die es jemals gab. Über 80 Prozent der Gelder sind nach wie vor zinsorientiert angelegt. Das funktioniert nicht mehr. Der Anleger hat drei Möglichkeiten: Entweder er fängt früher an zu sparen, er spart mehr – das können viele nicht –, oder er spart anders. Der Sparer braucht eine neue Strukturierung der Geldanlage. Das heißt: eine Streuung aus Aktien, festverzinslichen Wertpapieren, Immobilien und liquiden Anlagen. Nichtstun ist keine Alternative. Man muss sich überlegen, was man anders macht. Und offensiver werden.

Das bedeutet für den Anleger auch, mehr Risiken in Kauf zu nehmen.

Reinke: Die Menschen wollen sparen. Die Sparquote ist in den vergangenen Jahren nicht zurückgegangen. Sie liegt bei 10,6 Prozent. Aktienmärkte unterliegen kurzfristigen Schwankungen. Wir sprechen aber über langfristige Anlagen. Dann werden die Schwankungen herausgenommen. Es soll auch nicht alles in Aktien angelegt werden. Man muss den richtigen Mix finden. Die Gefahr, nichts zu tun, ist größer, als etwas zu tun.

Wann muss der Durchschnittsmensch anfangen zu sparen?

Reinke: Je früher man anfängt, desto besser. Aber spätestens im Alter von 15 oder 16 Jahren.

Die Niedrigzinsphase ist für den Sparer ein Fluch. Auf der Suche nach Alternativen boomen indes Investmentfonds. Für eine Fondsgesellschaft ist Mario Draghi also ein Segen?

Reinke: Fluch und Segen zugleich. Wir haben dasselbe Problem wie die Privatanleger. Wir müssen das Geld bestmöglich anlegen. Dabei ist die Suche nach vernünftigen Anlagemöglichkeiten nicht einfach. Ein Segen ist es, weil Sparer nun anfangen umzudenken. Ein Drittel der Sparer in Deutschland macht sich aktiv Gedanken über die Geldanlage. Und man muss fairerweise sagen: Nicht nur Draghi ist am niedrigen Zins schuld.

Sondern?

Reinke: Der Zins wird niedrig bleiben, weil wir keinen Preisdruck haben. Die Demografie, die Globalisierung – mit einer Transparenz und Preisvergleichsmöglichkeit – und die Digitalisierung, drücken die Preise. Das ist ein strukturelles Problem. Umso wichtiger ist es, dass Sparer auf diese Entwicklung reagieren.

Was sind denn interessante Märkte für Investitionen?

Reinke: Banken und Versicherungen sind bei uns untergewichtet. Das ist keine Überraschung. Dasselbe gilt für rohstoffnahe Industrien. Interessante Branchen sind der Konsum, das Thema Gesundheit und Telekommunikation.

Die Fragen stellte Sabrina Erben.

 

Volksbank Esslingen eG

Was sollen die Sparer bei niedrigen Zinsen tun? Das Bedürfnis nach Information wächst. Die Volksbank Esslingen hat deshalb den Chef der Union Investment, Hans-Joachim Reinke, diese Woche zu einer Kundenveranstaltung eingeladen. Das Thema stieß auf offene Ohren: 400 Sparer kamen in die Berkheimer Osterfeldhalle.

Die Union Investment ist die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. Von Privatanlegern der Volksbank Esslingen steckt eine Summe von 280 Millionen Euro in Fonds der Union Investment. 78 Millionen kommen von institutionellen Anlegern.

Dem Vorstand, Heinz Fohrer und Markus Schaaf, ist das Thema Sparen sehr wichtig. „Bisher war es so, dass passives Verhalten den Kunden nicht geschadet hat. Sie haben auch fürs Nichtstun Zinsen bekommen. Das ist jetzt anders“, sagt Schaaf. Das Sparverhalten der Menschen ändert sich langsam. „Die Kunden haben mehr Anlagebedürfnisse als früher. Die Vermögensstrukturberatung wird wichtiger. Es kommen deutlich mehr Kunden, um sich bei uns beraten zu lassen“, erklärt Schaaf.

Die Volksbank Esslingen beschäftigt 277 Mitarbeiter in 17 Filialen und hatte 2015 eine Bilanzsumme von 1,37 Milliarden Euro. Die Niedrigzinsphase setzt den Banken zu. „Wir sehen die gesamte Zinssituation sehr kritisch, und dies hat sich seit dem Brexit weiter verschärft. Wenn sich der Trend der noch weiter fallenden Zinsen fortsetzt, werden wir nicht umhinkommen, Negativzinsen für Firmenkunden ab bestimmten Beträgen einzuführen“, sagt Fohrer.

Und was ist mit Privatkunden? „Wir stehen zu unseren bisherigen Aussagen und werden für unsere Privatkunden dies so lange als möglich nicht tun“, sagt Fohrer.